Style?

Alle reden von Individualität – aber was siehst du in Feeds, am Strand, im Alltag?
Lange Haare, Mittelscheitel – alle Frauen kopieren den gleichen Style.

Die Kardashian-Kopie ist längst zur Uniform geworden.
Und dieser Style wird zur Uni-Form.


Dabei wünschst du dich doch nichts sehnlicher, als einzigartig wahrgenommen zu werden.
Wenn jemand sagt: „Wow, das bist genau DU.“ – das ist dein Wunsch.
Du hasst es, wenn jemand sagt: „Ach, du bist ja wie die da drüben.“

Und trotzdem verkleidest du dich.
Im Insta-Feed, am Strand, im Alltag – die gleiche Maske, dieselbe Silhouette.
Auch die Posen stellt ihr nach.
Ihr sucht die „instaträchtigen“ Orte auf, die jeder kennt –
und doch hofft ihr, besonders zu wirken?


Coco Chanel sagte:
„Um unersetzlich zu sein, muss man immer anders sein.“

Coco war weit mehr als eine Modemacherin – sie war eine Pionierin.
Sie befreite Frauen aus Korsetts und gab ihnen durch schlichte Eleganz eine neue Freiheit.
Sie hat Mode nicht nur geschaffen – sie hat sie befreit.
Und damit Platz gemacht für alle, die den Mut haben, echt zu sein.

Aber auch hier zeigt sich die Ironie der Modegeschichte:
Was einst Befreiung bedeutete, ist heute selbst zur Uniform geworden.
Das Chanel-Kostüm, die Tasche, das kleine Schwarze – Symbole des Pioniergeists –
sind längst Massenware auf Laufstegen und in Feeds.

So schnell kippt Einzigartigkeit in Nachahmung.
Und wieder stellt sich die Frage:
Wo endet die Maske – und wo beginnt das Eigene?


Mut beginnt da, wo die Kopie endet.

Aber – schon früh lernen wir: Wer sichtbar anders ist, läuft Gefahr, ausgelacht, ausgeschlossen oder gemobbt zu werden. Das prägt.
Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist ein Urinstinkt – und oft stärker als der Mut zur Eigenart.

Uniformität gibt Sicherheit.
Wer sich anpasst, muss weniger Entscheidungen treffen, muss sich nicht rechtfertigen.
Die Komfortzone fühlt sich leichter an als der Kampf um Echtheit.

Doch was (oder wer?) geht dabei verloren?

Risse

Die Maske, die wir im Leben tragen, ist kein Feind.
Sie schützt uns. Sie ist ein Teil von uns – und sie hat uns durch Situationen getragen, die wir sonst vielleicht nicht überstanden hätten.

Doch oft merken wir gar nicht, wie sehr uns diese Maske auch begrenzt.
Wenn uns jemand ärgert, wenn wir uns über ein Verhalten empören, dann zeigt sich darin nicht nur ein Reiz von außen. Es ist auch ein Hinweis darauf, was wir in uns selbst nie leben durften.

Der laute Mitschüler, der dich nervt, der Nachbar, der dich triggert – sie halten dir nur den Spiegel hin.
Nicht, weil sie „falsch“ sind, sondern weil sie dir übertreiben etwas zeigen, das du dir selbst nicht erlaubst.

Fragen wie:
„Wer hindert mich daran, auch so zu handeln?“
bringen alte Stimmen zurück: „Weine nicht. Sei brav. Sei nicht so laut. Benimm dich.“
Und so lernen wir, Teile unserer eigenen Lebendigkeit zu verbergen – unter einer Maske.

Oder vielleicht hörst du Sätze wie: „Das macht man einfach nicht.“
Doch wer ist dieses MAN?
Ist es nicht oft die Summe der kulturellen Konventionen, die wir nie hinterfragen – und die uns trotzdem prägen?

Individuation bedeutet, diese Masken nicht einfach wegzuwerfen, sondern liebevoll zu erkennen, was sie schützen.
Darunter wartet nicht Gefahr, sondern ungebrochene Kraft, Vitalität und Lebendigkeit.

Der Weg nach innen führt nicht zuerst zur Wahrheit über die Welt – sondern zur Wahrheit über uns selbst.
Und wenn wir beginnen, diese Wahrheit zu leben, sind wir nicht mehr Gefangene unserer Masken.
Wir beginnen, unverfälscht da zu sein.

Simulacra

Wir leben längst nicht mehr in einer Welt der Dinge – wir leben in einer Welt der Zeichen.

Baudrillard beschreibt mit seinem Begriff Simulacra, dass wir längst nicht mehr im Verhältnis von Original und Abbild leben. Früher gab es ein Ding, und dazu das Bild davon. Heute jedoch gibt es nur noch Bilder, Zeichen, Symbole, die sich gegenseitig spiegeln und verstärken. Das vermeintliche „Original“ verschwindet – es ist gar nicht mehr greifbar.

Wenn wir also sagen: „Wir leben in der Kopie der Kopie“, heißt das, dass wir Realität nicht mehr unmittelbar erfahren, sondern nur durch die Darstellungen, die uns vorgelegt werden. Werbung, Social Media, Politik, sogar Medizin: sie verkaufen Bilder, die wir für Realität halten.

Und genau das macht unser Leben oft unwirklich. Wenn das Original nicht mehr zu fassen ist, fühlt sich das Dasein selbst wie ein Traum an – glatt, perfekt, aber nicht wirklich spürbar. Doch was geschieht dann mit uns?

Was, wenn du nicht kaputt bist – sondern wach wirst?

Immer mehr Menschen suchen Therapie.
Nicht, weil sie „krank“ sind –
sondern weil sie die Schnauze voll haben vom Funktionieren.

Vom Durchhalten. Vom innerlich Stillsein, wenn draußen alles tobt.
vom Schweigen, das schreit – und vom Schreien, das niemand hört.
Vom Lächeln, wenn eigentlich etwas in einem weint.

Vielleicht ist es kein Symptom.
Vielleicht ist es der Anfang von etwas Echtem.


Meine Praxis ist wieder offen.
Für alle, die sich nicht mehr wegdrücken wollen.